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Das Hörenlernen - Der langsame Weg in die Welt des Hörens von Marion

Nachdem das CI nach drei Wochen wieder unter die Hörschwelle zurückgefahren worden war, begann der langsame Weg des Hörenlernens.

Über drei Monate war ich fast jeden Freitag zur Anpassung im CIC Hagen, danach noch zwei Monate jede zweite Woche. Erst dann wurden die Abstände größer. Frau Tekampe hat mir immer drei Programme aufgespielt: bei Programm 1 fing der Tinnitus gerade an, bei Programm 2 war er wesentlich lauter und Programm 3 war ein Übungsprogramm mit der Lautstärke, dass ich Sprache verstehen konnte, aber auch mit presslufthammerartigem Tinnitus. Ich habe 1-2 Tage Programm 1 angelassen, bis der Tinnitus verschwand und dann den Rest der Woche Programm 2 getragen. Mein Mann war mein erster Logopäde. Wir haben abends eine halbe Stunde Wörterlisten mit drei- bis fünfsilbigen Wörtern geübt. Eine halbe Stunde war der Tinnitus zu ertragen, aber er war so laut, dass ich dagegen anhören musste. Bei der nächsten Einstellung wurde Programm 2 zu Programm 1 und ein etwas lauteres Programm 2. So haben wir uns bis etwa Ende März hochgerangelt und dann war der Tinnitus weg und ich bei einer einigermaßen normalen Lautstärke angekommen. Es klang aber alles noch so, als würde ich die Sprache durch einen Duschvorhang hören: verwaschen, dumpf und gleichzeitig schrill. Aber ich konnte jetzt mit dem richtigen Üben anfangen.

 

Zu Hause habe mit Audiolog geübt und ab Ostern auch mit Hörbuch. Wobei ich allerdings nur verstehen konnte, wenn ich Wort für Wort mitlesen konnte. Mein Mann hatte mir zum Geburtstag den Ebook – Reader PocketBook geschenkt. Der hat eine ganz tolle Funktion, er liest nämlich vor. Die Frauenstimme ist ziemlich natürlich, es klappt richtig gut, wenn man mal von kleinen Macken absieht, dass er nicht immer richtig umblättert oder schon mal am Ende das Absatzes die Satzzeichen mitgelesen werden. In den Sommerferien habe ich so sechs Hörbücher gelesen oder andersherum Ebooks gehört. Das hat mich enorm vorangebracht.

Im Alltag war es nach wie vor schwierig. Objektiv gesehen, auch mit Hörtests nachgewiesen, habe ich in der Zeit definitiv mit CI und HG wesentlich schlechter gehört als mit HG alleine. Obwohl immer mehr der Zustand kam, dass ich ohne CI nicht mehr hören wollte. Es klang voller, runder. Aber insgesamt war nach wie vor das Problem da, dass ich auf beiden Seiten Verschiedenes hörte. Um das anderen begreiflich zu machen, war es so, als wenn ich links Deutsch und rechts Chinesisch gehört habe und das immer gleichzeitig. Es war und ist absolut anstrengend. Dadurch war ich oft so erschöpft, dass ich einfach nicht die Kraft hatte, außer bei Ebook hören, mein anderes Ohr zu vertauben und nur mit CI zu hören. Ich hatte den Eindruck, es geht überhaupt nicht voran.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, eine stationäre Reha zu beantragen. Ich wollte endlich die Zeit und Kraft haben, mich nur auf das CI zu konzentrieren und nur damit zu hören. Meine Therapeutin unterstützte diesen Antrag sehr. Die Reha in St. Wendel wurde so schnell genehmigt, dass ich es kaum glauben konnte. Zwei Wochen nach Antragstellung kam die Genehmigung, fünf Wochen danach war ich in St. Wendel. Das hieß, nach den Sommerferien noch zwei Wochen Schule, um alles zu regeln und dann in die Reha, um dann geordnet in die Herbstferien übergehen zu können.

Die Reha war ein voller Erfolg. Vom zweiten Tag an habe ich nur noch mit dem CI – Ohr gehört. Das linke habe ich sofort morgens mit einem alten Ohrpassstück, bei dem ich mir das Luftloch habe zumachen lassen, vertaubt. Wie groß war mein Erstaunen, wie viel ich verstehen konnte! Ich konnte alle Therapien nur mit CI machen, sämtliche privaten Gespräche auch im Speisesaal damit führen und kam auch beim Hörtraining super klar. Durch den Alltagsstress hatte ich gar nicht mehr mitbekommen, dass ich so große Fortschritte gemacht hatte. Bis zum Ende der sechswöchigen Reha habe ich mich beim Hörtest bei der Logopädin von 52 verstandenen Wörtern pro Minute mit Mundbild auf 64 und von 19 ohne Mundbild auf 41 gesteigert. Ein super Erfolg! Für den Alltag hieß das, nur mit CI konnte ich eigentlich alles verstehen.

Aber dann kamen der große Schock und die Ernüchterung. Ich will ja nicht wieder einseitig taub sein, also muss ich CI und HG gleichzeitig tragen. Wie froh war ich, noch eine gute halbe Woche Herbstferien zu haben, damit ich erst einmal wieder das beidseitige Hören lernen konnte. In den ersten Tagen habe ich fast gar nichts verstanden. Alles hallte in meinem Kopf, die Stimmen vervielfältigten sich, wurden unscharf, es war ein einziges Schwirren. Wie sollte das weitergehen? Wie sollte ich so in der Schule zurechtkommen, wenn es schon zu Hause mit meinem Mann nicht klappte? Bei jedem Satz musste ich nachfragen. Als erstes stellte Frau Tekampe das CI wieder etwas leiser, so dass das Hallen besser wurde. Eine Woche später war dann das HG dran. Auch das musste wesentlich leiser eingestellt werden. So langsam wurde es besser. Mein Gehirn akzeptierte nach und nach, dass von zwei Seiten Vernünftiges kommt. In den folgenden Wochen habe ich überhaupt nicht mehr mit CI geübt, sondern bewusst immer mit beiden Seiten gehört. Selbst das Ebook – hören wurde sehr eingeschränkt. Jetzt geht es so langsam, es ist noch nicht perfekt, aber erträglich. Wenn ich in einer leisen Umgebung bin, verstehe ich mit HG und CI alles, wenn aber viele durcheinanderreden, wie z.B. in der Schule, dann habe ich arge Probleme. Ich habe dabei folgendes beobachtet: Durch das CI höre ich einfach alles, vor allem Stimmen, egal wie laut sie sind. Und das bedeutet für die Schule, dass ich in bestimmten Situationen zig Stimmen im Kopf habe, sämtliches Flüstern, das ich dann höre, aber nicht verstehe. Und das hindert mich natürlich am Verstehen. Während meines gesamten Hörenlernens ist mir ein lustiger Aspekt aufgefallen. Immer wenn mein Gehirn meint, dass das, was gesagt wird, unlogisch ist, nicht zur Situation passt, dann weigert es sich rigoros das zu verstehen. Daraus ergeben sich manchmal kuriose Situationen. Ich führe in der Klasse mit den Schülern ein intensives Unterrichtsgespräch, nehme einen Schüler dran, von dem ich einen guten Beitrag erwarte und versteh ihn nicht. Erst beim dritten Nachfragen lüftet sich die Wolke in meinem Hirn und lässt den Satz durch: Darf ich mal auf Klo! Mittlerweile kann ich darüber lachen, aber es ist auch oft ätzend. So passierte in einer fünften Klasse Folgendes. Wir haben in Praktischer Philosophie das Thema Tiere und sprechen über artgerechte Haltung. Eine Schülerin meldet sich und fragt mich etwas. Ich kann es partout nicht verstehen. Sie wiederholt mindestens dreimal bis ich endlich kapiere, was sie mich gefragt hat: Wann machen wir denn mal was über Moslems? Boah, das passte überhaupt nicht in meinen Erwartungshorizont und ärgert mich dann enorm.

In Konferenzen, manchmal in der Klasse und immer beim Fernsehen oder wenn wir zu Hause Gäste haben, benutze ich meine FM – Anlage von Comfort Audio. Das klappt hervorragend. Ich setze sie aber vor allem für das HG ein. Schalte ich das CI über FM hinzu, ist es mir zu viel. Nachrichten hören über FM und nur mit CI klappt hervorragend, ebenso wie Talkshows. Bei Filmen ist es noch schwierig.

Aus meinem Bericht ist zu ersehen, dass ich nicht zu denen gehöre, die sofort oder in kürzester Zeit alles verstanden haben. Aber ich war auch 48 Jahre taub und dafür ist ein ein riesiges Wunder, dass ich so gut mit CI höre, bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten. Überaus froh bin ich, dass ich mich zu Anfang für die ambulante Reha entschieden habe. Denn bei meiner Hörbiografie und bei meinen Anfangsschwierigkeiten, war es ein Segen, dass ich jede Woche zur Anpassung konnte und nur einen Weg von fünfzehn Minuten und nicht 4 Stunden hatte. Ich merke, dass es vorangeht, sich immer noch mehr entwickelt. Ohne CI bin ich nach wie vor taub, mit CI alleine kann ich jeder Unterhaltung folgen . Ich brauch keine Angst zu haben, ganz zu ertauben. Und sollte links was passieren, dann könnt ihr gar nicht schnell genug schauen, wie ich dort ein CI haben werde! Mein CI gebe ich nicht wieder her!

Da ich gerade auch durch meine beiden Rehas gemerkt habe, wie wichtig es ist, sich mit genauso Betroffenen auszutauschen, ich ohne diese Erfahrungen heute vielleicht immer noch kein CI hätte, habe ich im Februar in Hagen eine Selbsthilfegruppe gegründet, die CI – SHG Hagen „Die Hörschnecken“. Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag im Monat um 18.00 Uhr im St. Josefs - Hospital, Dreieckstraße 6, 58097 Hagen. Interessierte sind jederzeit willkommen! Aktuelle Informationen findet man auf unserer Homepage www.cis.hagen-nrw.de.

Die CI- Selbsthilfegruppe Hagen

Die HörschneckenDas erste Treffen der CI- SHG Hagen_6

Wenn Sie

  • Informationen rund um das CI haben wollen ( das CI ist eine Innenohrprothese für hochgradig schwerhörige und gehörlose Kinder und Erwachsene),
  • CI – Träger sind,
  • überlegen, ob für Sie ein CI in Frage kommt, aber dazu 1000 Fragen haben,
  • Probleme mit dem Hören haben,
  • sich einfach mal mit Betroffenen austauschen wollen,
  • mit anderen Ihre Freude über das neue Hören teilen wollen,
  • erfahren wollen, dass auch andere die gleichen Sorgen und Probleme haben,
  • in lockerer Atmosphäre sich alle Sorgen und Fragen zum CI von der Seele reden wollen,
  • ihre Angehörigen Sie begleiten und unterstützen wollen,

dann sind Sie bei uns genau richtig.

Kontakt:

Leitung:               Marion Hölterhoff ,  Tel. 02374752186, marion_hoelterhoff@cis.hagen-nrw.de   
Stellvertretung: Dieter Fraune, Tel. 02333/89126, dieter_fraune@cis.hagen-nrw.de

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